
Einleitung
In diesem Sommer bin ich den Arbeiten des Malers Heiner Kielholz zum ersten Mal begegnet. Bis zum zweiten August sind Gemälde dieses Schweizer Künstlers im Bündner Kunstmuseum zu sehen. Die ausgestellten Werke stammen aus den letzten fünfzehn Jahren seines Schaffens. Es handelt sich vorwiegend um kleinere Ölgemälde auf Holz, Leinwand oder Karton, ergänzt durch einige Aquarelle. Gegenstand dieser Kleinformaten sind mehrheitlich Innenraumszenen und Stillleben; es sind aber auch einige Außenaufnahmen und Bergpanoramen. Man kann das Material in drei Kategorien einteilen: (1) Stillleben, (2), Innenraumszenen, (3) Außenaufnahmen.
Ein stilles Werk, ein stilles Leben
Auf den gezeigten Gemälden sind keine menschlichen Gesichter zu sehen; diese Tatsache erinnert mich an den Werken von Wilhelm Hammershoi. Statt menschlicher Figuren begegnen uns bald Alltagsgegenstände: ein Holzofen, ein Eimer, ein Kerzenhalter, ein Stuhl, ein Stück Stoff werden uns vertraut.
Mit der Zeit gewöhnt sich unser Auge an das Umfeld, in dem wir leben. Aus den in Kielholz‘ Gemälden wiederkehrenden Gegenständen spricht ein Gefühl der Verbundenheit. Mit den Jahren ändert sich unsere Beziehung zu einem Raum, einem Gebäude oder dem zugehörenden „Revier“, und es entsteht manchmal so etwas wie „Zugehörigkeit“.
Mir scheint, dass diese Gemälde aus einer sorgfältigen Beobachtung des Alltags entstanden sind. Wenn man sein Auge täglich wiederholt auf das alltägliche Leben richtet, auf seine Einzelheiten, merkt vielleicht, dass es vorübergeht und bleibt zugleich. Das Alltägliche wiederholt sich jeden Tag ; deshalb nutzt es sich langsam und unmerklich aus. Wenn man gut genug aufpasst, merkt man bald, wie groß die einfache Schönheit des Alltäglichen doch ist. Vertraute Objekte, täglich wiederholte Gesten, eine Stufe, auf die man sich immer wieder setzt: es ist so, als würden diese kleinen, alltäglichen Dinge eine Art bescheidener Transzendenz beinhalten.
Die vorwiegend benutzten Farben sind sanft und natürlich: grau, schwarz, beige, gelb, braun. Seine Gemälde erzeugen eine asketische und zugleich warme Atmosphäre, in der ich gerne zu Besuch bin.
Das Sakrale und das Profane liegen sehr nahe beieinander
Diese neunzig Kleinformate, heilig und profan zugleich, laden der Beobachter dazu ein, das Alltagsleben anders zu beobachten. Sie enthüllen keine andere Realität, sondern schlagen uns einen anderen Blick auf das schon Vorhandene vor. Diese Ausstellung ist wie eine Erinnerung an der tiefen und einfachen Schönheit des Alltagslebens, wenn es mit Sorge und Aufmerksamkeit geehrt wird. Kielholz‘ Gemälde scheinen mir darauf hinzuweisen, dass das Heilige vielleicht in der Materie, in den Orten, Gegenständen und Gesten des Alltags zu suchen (und zu finden) ist. Die Spur des Geistes ist in der Materie zu suchen: in den gewöhnlichen, doch grundlegenden Gesten, in den Gegenständen und Orten, die wir jeden Tag benutzen und bewohnen.