Das Individuum und die Strukturen. Erster Teil: der winzig kleine Mensch

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Einleitende Gedanken zum Ziel und zur Methode

Gegenstand dieser Reihe von Blogartikeln sind die « Mangeln des Systems ». Dabei gilt unser Interesse nicht den Ursachen systemischer Probleme. Stattdessen wird der Fokus auf die Haltung des Einzelnen diesen Problemen gegenüber gelegt. Wir setzen uns mit einer Frage aus dem ethisch-praktischen Bereich auseinander. Wenn es auf die Welt, so wie sie ist, blickt, fragt sich nämlich das Individuum: « Was kann ich tun? ».

Die Frage des richtigen Handelns ist die Frage der Reifheit. Reifheit kann man als ein wachsendes Bewusstsein für Zusammenhänge kennzeichnen. Es ist kein Zustand, den man endgültig erreicht; es geht um eine unendliche Suche. Diese innere Entwicklung soll man als einen Weg verstehen.

Der Weg nimmt seinen Anfang mit der Bewusstwerdung über den Zusammenhang zwischen dem Selbst und seiner Umwelt. Das eigene Handeln hat Auswirkungen auf die Welt – eine Außenwelt, die bisher als andersartig erlebt und betrachtet wurde. Umgekehrt wird das Individuum von diesem « da draußen » in unterschiedlichem Maße beeinflusst, von dem ersten Anstoß bis zu den verschiedenen Graden der Prägung.

Mit der wachsenden Wahrnehmung der gegenseitigen Beziehungen zwischen dem Selbst und seiner Umwelt wird der erste Schritt im moralisch-ethischen Bereich gewagt. Das Nachdenken über das eigene Handeln fängt mit dem Verständnis von diesem Zusammenhang an: dass alles verbunden ist und dass man Türe niemals schließen kann. Von nun an ist es verboten zu lügen und zu trennen.

« Was ist zu tun mit dieser Welt? ». Zu allen Zeiten ist diese Frage das wiederkehrende Problem der Jugend gewesen. Jede neue Generation erhält eine Welt als Erbe – in dem Zustand, wie sie von ihren Vorfahren aufgebaut wurde. Diese Problematik ist zu heutigen Zeiten von besonderer Relevanz, denn die geerbte Welt scheint nun wirklich auf dem Kopf zu stehen.

Indem sie ein Problem ausführlich darstellen, dienen folgende Ausführungen dazu, Zusammenhänge aufzuzeigen. Die Untersuchung komplexer Mechanismen unseres Lebens wird nicht nur durch die Freude am Verstehen und den unendlichen Versuch einer Formulierung getrieben. Das Denken ist kein reiner Zeitvertreib: es soll zum richtigen Handeln verhelfen. Sinn und Zweck jeder Analyse bleibt es, eine Veränderung herzuleiten. Dieses Bemühen, etwas präzise auszudrücken, kann unser Handeln unbewusst und tief verändern.

Dieser einleitende Artikel zielt darauf ab, den Kontext unserer Frage zu stellen und einen Rahmen für die Analyse zu bauen.

Kontextelemente und das Therapeutische der Sprache

Anlaß für die folgenden Gedanken ist eine knappe Unterhaltung mit einem Mitmenschen. Ein unschuldiger Satz von meinem Gesprächspartner hat auf etwas hingewiesen, das in meinem Bewusstsein schlafend lag. Eine beiläufige Bemerkung hat den untergrundigen, stillen Denkprozess ausgelöst. Man hat ein Gedanke aus dem großen Teich rausgefischt, und aus dem Lehm wurde etwas geschrieben. Versuchen wir nun, es auszudrücken.

Wie üblich kam also der Impuls von Außen: der unbewusste Denkprozess wurde von dem Kontakt mit dem Anderen angetrieben. Nun weiß ich es: man lernt und entwickelt sich nur in Kontakt mit dem, was außerhalb von uns liegt. Der Einzelne kommt paradoxerweise « zu sich selbst », indem es sich in den Augen eines Anderen sieht; durch den Blick von Außen kommt eine Reflexion von dem Selbst zustande. Dieses Spiegelbild kann man nicht als « realitätstreu » bezeichnen: es wird, wie alles andere, hergestellt. Die ungeheure Summe von dem, was wir « der Einzelne » nennen, sein greifbarer Körper und seine unsichtbare Identität, kommt durch diesen Blick zur Welt. Diese Spiegelung wird von dem Anderen geschaffen, und dann von dem Selbst interpretiert. Die Person entwickelt sich in diesem ununterbrochenen Zusammenspiel.

Eine knappe Bemerkung von meinem Gesprächspartner hat eine Masse von unklaren Ideen und vagen Gefühlen zusammengebunden. Alles wartet immer im Dunkeln auf der Rückseite unseres Gehirns; alles wartet auf jemanden. Mit einem Gesprächspartner teilt man das gesprochene Wort, das uns wie ein unsichtbares Glied verbindet (rar und sehr wertvoll). Man freut sich, wenn es passiert, und weiß es sehr zu schätzen.

Merkwürdigerweise hatte dieser gesamte Prozess eine fast lindernde Wirkung auf mich. Durch Wort wurde etwas entknotet.

Diese Texte möge man aus diesem Grund als ein Zeugnis der therapeutischen Wirkung von geteilten Wörtern betrachten. Wir sind folgender Ansicht: die therapeutische Wirkung des Gesagten lässt sich am besten in einem alltäglichen Gesprächskontext beobachten. Knoten werden durch die Sprache im Alltag gebildet und gelöst. Als « therapeutisch » kann man jene Sprache bezeichnen, welche die von uns unbekannten Knoten entflicht. Diese Knoten sind unsere « blinden Flecke »: all die Fragen, die wir selber nicht sehen, bleiben uns unbekannt – bis plötzlich die unbeabsichtigte Hilfe eines Anderen sie offenbart und darlegt, unerwartet und ohne Schmerz.

Ein Problem war mir nicht vollständig bewusst. Es war mir in seiner Ganzheit nicht zugänglich. Mein Gehirn hat im Hintergrund gearbeitet und hat mir eine Antwort gegeben: ich habe eine Fragestellung und einen Überblick der Situation erhalten. Ich laufe, und auf dem Weg rollt sich eine Reflexion ab. Die Idee dehnt sich aus und der Text bekommt eine Gestalt. Diese Artikelreihe fügt Stücke zusammen. Die Gedankenteile gehören zu derselben Idee. Die verschiedenen Glieder, wenn versammelt, bilden einen Körper: « es hat einen Sinn. »

Darum geht es uns: immer wieder versuchen, es auszudrücken. Doch wozu mit diesem hartnäckigen Versuch? Warum sich unermüdlich bemühen (sich quälen), nur um dieses Etwas (eine menschliche Erfahrung) auf eine andere, neue, vielleicht bessere Weise auszudrücken? Der Sinn des Ganzen ist doch nur zu leben. Warum möchtest du das Leben auf diese Weise berühren? Warum es enthülsen, sezieren, zergliedern? Zu welchem Zweck das Erlebte durch Wörter analysieren? Denkst du, du könntest es auf diese Weise entblößen, es vielleicht dadurch sogar verändern? Schlauer Fuchs, glaubst du wirklich, man kann (man darf) klüger als das Leben sein?

Ich weiß es nicht, doch ich bemühe mich. Ich probiere es immer wieder neu; es ist wie eine Manie von mir, eine schlechte Gewohnheit. Man lebt, solange man versucht; denn man hat nicht aufgegeben. Als Antrieb oder lebendige Kraft ist dieser unendlich unternommene Versuch zu verstehen und auszudrücken mit dem Leben selbst gleichzusetzen.

Was wir unter « Ethik » verstehen und dass in der Wahrheit die Freiheit liegt

Dieses hartnäckige, unendliche Bestreben nach einer korrekten (d.h. weniger falschen, weniger schlechten) Formulierung kann man als eine moralische Pflicht betrachten. Das Individuum sieht sich zu diesem Versuch verpflichtet: das, was er tut oder was mit ihm geschieht, zu bedenken und auszudrücken. Diese Pflicht kommt von dem Inneren des Individuums selbst.

Wenn ich das schreibe, dann kommt mir sofort Christa Wolf in den Sinn. Ein Großteil ihres Lebens stand unter dem moralischen Imperativ einer « Ethik der Aufrichtigkeit ». Dieses theoretische Imperativ übersetzte sich in der Praxis in eine unermüdliche, ständige Aufmerksamkeit dem eigenen Handeln gegenüber: ihr ging es stets darum, sich selber « auf dem Prüfstand » zu stellen. Immer hat Wolf jede Form von lauwarmer Selbstzufriedenheit abgelehnt. Sie weigerte sich, blind zu sein – sowohl sich selbst als auch der Epoche gegenüber.

Dieses Bestreben nach Aufrichtigkeit ging nicht ohne eine gewisse Härte einher. Christa Wolfs « Ethik der Aufrichtigkeit » ist das Beispiel einer wahren Ethik, einer echten Moral, denn als selbstauferlegte Pflicht kommt sie von dem Inneren des Individuums. Diese intrinsische Moral lässt sich durch Wolfs Schicksal erklären: ihr Lebensweg war gekennzeichnet durch eine Reihe von ideologischen Demütigungen. Die Lügen und deren bitteren Erkenntnissen haben mit ihrer Kindheit im Dritten Reich angefangen und entwickelten sich weiter mit den Falschversprechen des « real existierenden Sozialismus ».

Warum ist es wichtig, die Falle der Selbstgefälligkeit zu entkommen? Was treibt dieses Bemühen um Aufrichtigkeit an? Was hofft man sich daraus? Sich nicht in dem Stillstand verrennen und eine ständige Wachsamkeit behalten – diese besorgte Lebensphilosophie baut auf folgender Grundlage auf: dass man durch Selbstanalyse und Reflexivität seine « blinden Flecke » identifizieren könnte. Aus der unbewussten Veränderung, die die Analyse erzeugt, entsteht die Möglichkeit einer anderen Vorgehensweise. Diese Lebenseinstellung gründet in einem tiefen Vertrauen in der Fähigkeit des Menschen, sich zu verändern. Sie basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich frei ist.

Aus einer solchen Ethik lässt sich Folgendes ableiten. Die Untersuchung von dem, was geschieht, und das Bemühen um eine « richtige », « genaue » Formulierung, können uns dazu bringen, in dieser Realität anders zu handeln. Folglich ist die scheinbar intuitive Abgrenzung zwischen denken und handeln eine falsche kategorische Trennung, von der wir uns besser verabschieden sollten. Sie teilt zwei Handlungsfelder, die zusammengehören. Das Denken kommt nämlich aus dem Leben. Alles Gedachte muss aus dem Erlebten entstehen; der Rest ist eine Lüge, eine Rhetorikübung für Politiker. Demzufolge muss alles Denken irgendwann zu seiner Quelle zurückkehren und dem Leben dienen.

Aus diesem Grund soll ein leichtes Perspektivenwechsel erfolgen; unser Standpunkt verschoben und unsere Erwartungen gedämpft werden. Wir brauchen Geduld und Zeit: innere Veränderungen erfolgen nur langsam, besonders wenn sie aus dem Inneren erzeugt werden (auf autonome Weise, durch Selbstanalyse).

« Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang. »

Rainer Maria Rilke (1899)

In den meisten Fällen geschieht es, ohne dass wir es merken. Die transformierende Wirkung des Gesagten, des gesprochenen Wortes, findet in dem Unbewussten statt. Die Veränderung läuft im Hintergrund. Man bemerkt nur ihre Folgen: sobald das Wort seine Wirkung entfaltet hat, verändert sich die Gegenwart in den Handlungen und in der Materie. Der genaue Mechanismus entzieht sich unserer Verständnis. Wir können nur versuchen, es zu analysieren – so schwierig es sein mag, das Erlebte zu erfassen und im Wort zu isolieren.

Am Ende bleibt alles Gedachte nur eine mögliche Interpretation von dem, was ist und was geschehen ist. Daraus ergibt sich die psychologische Wirkung der Analyse: die Befreiung. Man löst sich von etwas ab oder gewinnt die Oberhand über eine als unterträglich empfundene Realität.

Darin liegt vielleicht die letzte Freiheit eines Verzweifelten: er erlebt einen scheinbaren Triumph über das Erlebte. Denn wer hat sich nie hilflos gefühlt, als ihm die autonomen Dynamiken, die unsere außer Kontrolle geratenen menschlichen Strukturen steuern, bewusst geworden sind? Wer hat sich selbst nie einsam erlebt, indem er sich von Außen gesehen hat?

Dieses Gefühl entsteht, wenn man sich der Macht bewusst wird, die die Strukturen über unsere Handlungen, und damit über unser Leben, ausüben. Mit diesem Problem werden wir uns nach dieser ausführlichen Einleitung befassen.