Über das Glück, im Vorfrühling seine Schuhe zu bürsten

catégorie

«, »

1.

Wenn ich im Vorfrühling meine Schuhe bürste, nimmt das Abkratzen eine doppelte Bedeutung: ich entferne das Geschehene, was vergangen ist, und mache mich bereit für das, was noch kommt.

Ich entferne von meinen Schuhen die gelaufene Strecke. Der Rhythmus des Bürstens erinnert die erfahrenen Ohren an jene hypnotisierende Regelmäßigkeit des Ganges. Dieser eine Schritt hat mich dieses Jahr getragen, und das wird er weiterhin. Ich entferne Staub und Erde. Der geschmolzene Schnee hatte den Boden im Schlamm gewandelt, das Gras ist durchgenäßt und matschig gewesen. Bald weisen die Schuhe keine Flecken mehr.

Wenn ich im Vorfrühling meine Schuhe bürste, riecht es überall nach Veränderung. Etwas schließt sich ab und etwas anderes steht kurz vor seinem Anfang: wir befinden uns in einem „Dazwischen“.

2.

Einige Stellen auf dem Hang, im Schatten unter den Bäumen, sind noch feucht. Das am Boden liegenden Laub weist winzige Flecken auf, wo der Frost verharrt. Es handelt sich um eine kühle Luft, welche die am Fenster aufgehängten Röcke von der Nachbarin durchdringt und sauber macht. Es ist eine frostige Luft, auf deren Rückseite Reste des Winters noch hängen und beharren. Die Kühle ist sehr angenehm; mir gefällt diese Art der Kälte. Das Tiefatmen der würzigen Waldluft tut dem Kopf gut, wenn es die ganzen Lungen, bis zu den Lungenspitzen hinauf, von sauerstoffreicher Luft durchströmt.

In der Sonne wird es doch bald warm; mir ist zu warm in den Schuhen. Die Scheunentüre sind offen. Drinnen warten viele große grüne Pflanzen in ihren Töpfen, es sind Zitronenbäume und andere Zitruspflanzen. Sie schauen neugierig durch die offene Tür genauso auf Sonne, Vögel und Passanten. In einer anderen, neueren Scheune aus hellem Holz läuft im Radio die übliche Akkordeonmusik. Niemand ist drin, doch in dem breiten Raum ist alles gut aufgeräumt. Schon die Tür mit ihrem sauberen Griff bildet einen Gegensatz zu der dritten, verlassenen Scheune weiter entfernt, wo Strohhaufen, Katzen und metallische Röhren schlafen.

Auf den zwei parallelen Kabeln sitzen dünne Vögel in einer Reihe: das ist es, das ist für mich der Frühling. Andere in einer viel größeren Gruppe piepsen aufgeregt in der Tanne. Ich sehe sie nur wegfliegen, als mein Schritt sich nähert. Sie fliegen wie Fische und schwimmen in der Luft. „Der Frühling fängt an, wenn man die Klamotten draußen zum Trocknen hängen kann“, sagt jedes Jahr meine Großmutter. Die Nachbarin hat es schon heute mit ihrer Wäsche versucht.

Als ich im Vorfrühling meine Schuhe sauber mache, finden zwei gegenläufige Bewegungen statt. Etwas schließt sich ab und etwas deutet sich an. Noch hängen die Röcke am Fenster, und schon trocknet in der Sonne die Wäsche. Beim Spaziergang begegnet man – wenn man es zulässt – Gegensätze. Wieder ein „Dazwischen“; dazwischen ist es doch immer am Schönsten.

3.

„Laufen“ bedeutet: einen Schritt über sich selbst voraus sein und schneller als sein Schatten gehen. Immer wieder laufe ich, auch in der stillen Stunde. Wie die Sonne, auch ich bin nicht leicht zu kriegen. Man kann mich nicht richtig anfassen. Ich beobachte spöttisch und stumm eure groben Versuchen und gleite aus euren Händen wie ein wilder Fisch. Ich bin nicht hell und ich bin nicht dunkel: ich bin ein Mensch und nicht in Worte zu fassen.

Der Ausdruck „etwas ahnen“ deutet auf bevorstehende Veränderungen hin. Etwas Neues kommt zu Besuch; es kommt bald. Durch Anzeichen deutet es sich an, sodass wir zwar nicht wissen, was kommen wird, die Veränderung aber zweifelslos spüren. Bei uns dauert alles sowieso sehr lange: was es ist, erfahren wir nur, nachdem es gekommen ist. Der Stuhl wurde leicht verschoben, der Tisch ist ein bisschen schräg, die Tür wurde um wenige Zentimeter gezogen… „Es war jemand zu Besuch“. Man bemerkt es, und es ist schon vorbei. Ich öffne die Augen und schüttele den Kopf: da war es, das ist es schon gewesen.

Ja, der dynamische Schritt von dem Dachdecker, fast wie ein Sprung, ich habe es auf dem Hinweg schon gemerkt. Wie er den Hang überquert und vom Gerüst metallisch runtergeht: er hat den Frühling in sich. Er kündigt den Frühling an. Er steht im Schatten in der kühlen Luft und ist an einem Balken angelehnt. Wenn man die Augen schließt, hat man das Gefühl, am Meer zu sein. Mit den Glocken der Geißen gibt es wieder Musik in der Landschaft. Sie erinnern an den Booten am Steg.

4.

Ein Esel rollt in der Sonne herum, eine Kuh kratzt sich an dem Holzbalken von dem Zaun. Überall stehen Anzeichen; es liegt etwas in der Luft. Alles ist beschäftigt, man möge schreiben fast besorgt. Alle machen sich bereit für etwas. Die allgemeine Unruhe hat etwas Unheimliches. Alles rüstet sich aus. Auch die Schuhe bürstet man nicht zum Vergnügen. Man macht sich bereit für eine mögliche Flucht, für ein mögliches Abenteuer. Es ist ein Text von dem Krieg.

Alles in dieser Landschaft ist doppeldeutig, ich weiß nicht recht zu sagen, warum. Man ahnt etwas, weiß nicht was, und doch muss man sich entscheiden. Die Aufgabe der Interpretation: wir werden mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, die Zeichen zu lesen. Wir werden dazu gerade aufgefordert.

Entweder liest man das Dazwischen als das Unheimliche, was uns bedroht. Die Dissonanzen bilden Risse in dem Gebäude. Die fehlende Harmonie ist als eine Störung zu interpretieren; sie deutet auf noch größeren, schlimmeren Trennungen hin. Dieser Vormittag ist eine Kriegsvorbereitung. Ich habe aber dagegen entschieden. Bei diesem Dazwischen handelt es sich nur um die geheimnisvollen Tarnung jeder Veränderung. Ich kann es mit Sicherheit sagen, denn ich habe das Geschehene genau angeschaut; der Tag lag sogar in meinen Händen.

5.

Am Abend wird die Luft schnell wieder frisch. Bald geht die Sonne der Wiese runter. Noch einmal müssen die Kontraste betont werden: die kühle Luft und die große Sonne, die den Hang überquert hat. Höher auf den Hügeln, ab Tausend Meter, liegt noch Schnee; wahrscheinlich nur eine dünne weiße Schicht.

Das goldene Holz trocknet; es wartet still in der Sonne. Zwei Menschen haben aus den weißen Hölzern eine Pyramide gebildet, welche geduldig blondiert. Daneben liegen weitere dünne und lange Zweige, die auf dem Boden eine Haarpracht bilden. An einigen Zweigen hängen gelbe Kätzchen; wahrscheinlich handelt es sich um Haselnusssträucher. Aus dem Fallholz sind diese zufälligen Skulpturen entstanden. Es sind Erscheinungen oder Nebenprodukte des Seins; diese Kunst kommt aus dem Leben selbst. Am Brunnen bilden Pilze und Flechten runde Farbmuster auf dem Stamm; es ist, als wären sie von Segantini gemalt worden… Und für einen Augenblick ist die Gegenwart wie gelebte Poesie.

Dachdecker, Kühe, Geissen, Scheunen: alle leben, und es ist ihnen dabei angenehm. Man denkt nicht viel; man fühlt so voll, dass keine Kräfte zum Denken übrigbleiben. Vieles vergisst man, so viel. An allen Zweigen von jedem Baum hängt ein Versprechen. Ja, man möchte verzeihen; auf einmal ist vieles vergessen.

Was flüstern alle (Menschen, Schuhe, Tiere) in dieser hellen Stunde? „Es ist nicht so schlimm.“ Alles wird vom Leben bewegt, verändert sich und bleibt niemals das Gleiche. Also solltest du es jetzt besser anschauen, mit offenen Augen, und gut hören, was dir alle sagen; denn was ist, wird niemals wieder sein. Doch auch das ist nicht so schlimm.

6.

Es war an so einem Tag – da habe ich meine Verzweiflung deutlich gespürt. Ich habe sie fest ergriffen und in meinen Händen für eine Weile gehalten. Sie hat mich ganz tief in den Augen angeschaut und hat mich angeschriehen: „Mach’ was daraus! Aus mir, aus deinem Leben: mach’ was daraus!“.

Die Welt entsteht durch das Sprechen. Erst mit den Worten wird die Gegenwart gebildet, indem die Idee ihre Gestalt bekommt. In alldem, was man erlebt, erfährt und beobachtet, liegt für uns etwas zu verstehen. Es gilt, das Geschehene zu entschlüsseln.