
Wer man ist einerseits, was man kann andererseits; was man aus diesen beiden Komponenten macht, das zählt. Es geht nicht darum, was man hat. Dieses Mal tritt ausnahmsweise die Materie in den Hintergrund. Sie hält sich zurück. Denn die blosse Materie hat dem Menschen nichts zu bieten; sie ist ihm nicht gewachsen und kann nicht standhalten. Bei einem Rohstoff oder einem nackten Gegenstand kann mein Blick, so scheint es mir, das Ganze durchdringen.
Auch er, der Mensch, ist reine Materie. Ein lebendiges Stück Fleisch, ein Tier; ein Gewebe, das sich bewegt. Doch er offenbart sich nicht so einfach. Wer konnte denn schon einen Menschen in seiner ganzen Gestalt anschauen? Wir glauben, den Nächsten und Geliebten gut zu kennen. Trotz der schönen Berührungspunkten, die entstehen können, werden uns die Anderen stets wie undurchsichtige Fenster vorkommen.
Der Mensch besteht aus dieser interessanten Mischung von Sichtbarem und Unsichtbarem. Der Totalitarismus zerstört ihn gerade in seinem Kern: er wird zu einer nackten Zahl oder zu einem Rädchen in der Todesmaschine reduziert. Deshalb müssen wir wieder von vorne aufangen und vom Individuum ausgehen.
Was zählt, wo man sein Können und Schaffen ansetzen soll, das ist das eigene Leben, die eigene Existenz. Die Anderen bleiben für mich ein geschlossenes Rätsel. (Ein Mysterium bin ich vielleicht sogar für mich selbst: wie gut kenne ich mich überhaupt?)
Ein Mensch zu sein bedeutet, eben diese Unsichtbarkeit, diese Dichte, diese Ungewissheit stolz zu tragen und zu erhalten. Es fängt mit einem Willensakt an, welcher sich in einer Haltung verwirklicht und sich schliesslich in den Taten vollzieht; vollziehen soll.
Der Grundstein, auf dem jede Ethik beruht; ihr Kern, ihre erste, notwendige und unbedingte Prämisse, besteht in dem Glaube, dass das eigene Leben und die eigenen Handlungen zählen. Sobald man den ethischen Raum betritt, behauptet man, dass es einem nicht egal ist. Auf dem Einzelnen kommt es an: es geht darum, im richtigen Moment richtig zu handeln. Das richtige Handeln ist unmöglich zu planen: ein menschliches Leben, das diesen Namen verdient, besteht aus dem Unerwartetem. Dass da gerade ihre Schönheit liegt; diese Tatsache vergessen wir in der heutigen mechanisierten Zeit zu oft.
Wie bereitet man sich dazu, in dem richtigen Moment richtig zu handeln? Die doppelte „Kultur des Selbst“ bietet sich als unser Werkzeug. Der Mensch besteht sowohl aus dem Sichtbaren als auch aus dem Unsichtbarem: ein Mensch ist ein Stück Fleisch, das dennoch zu Gedanken fähig ist. Ein Mensch ist Tier, welches abwesende Gegenstände durch Wörter (Lärm, das man mit dem Mund macht und einen Sinn hat) wieder zum Leben bringt. Der Mensch ist diese einzigartige undurchdringbare Materie; an dieser Feststellung sind zwei Zweigen im „Kultur des Selbst“ geknüpft. Die „körperliche Kultur“ einerseits, die „spirituell-intellektuelle Kultur“ andererseits, also Kultur des Körpers und Kultur des Geistes. Eine solche Arbeit an das eigene Ich wird einigen Lesern vielleicht egoistisch erscheinen; zugegeben, es ist sicherlich ein Teil enttäuschtem Rücktritt aus der politischen Welt dabei. Eine Verletzung ist oft der Grund einer intensiven inneren Beschäftigung.
Der Mensch in seiner Einzelheit und Einzigartigkeit, also die Person, ist dieses komplexe Gebäude aus disparaten Elementen. Das Bewusstsein hält diesen Fundstücke zusammen, die der Zufall zusammengebracht hat. Das Bewusstsein spielt eine strukturierende Rolle: es gewährleistet die Einheit der Person. Der eigentliche Kitt aber, der die Person in der Praxis zusammenhält, sind die Prozesse des Lebens, unsere Tätigkeiten: sprechen, laufen, lernen, etc.
Die vielen Tätigkeiten, die zur „Kultur des Selbst“ gehören – ob es um die Entwicklung des Körpers oder des Geistes geht, ist es egal – weisen zwei Gemeinsamkeiten auf. Erstens, diese Handlungen umformen uns. Sie ändern sichtbare oder unsichtbare Elemente in den Menschen. Sie prägen unser Wesen, unser Sein. Die Person ist daher das Produkt dieser Tätigkeiten. Die zweite Gemeinsamkeit besteht darin, dass das Ergebnis dieser Tätigkeiten, also eine scheinbare „Substanz“, durch Geld nicht zu kaufen ist. Diese Tätigkeiten verändern die Person in ihrem Kern; sie gehören hiermit zur Kategorie der Prozesse. Ein Prozess ist nicht reduzierbar zu einem Ergebnis. Das Leben ist nichts anderes als Zeit, die vergeht; indem man Zeit bei einer Tätigkeit verbringt, wird man durch diese Tätigkeit verändert.
Zum Schluss wollen wir einige Beispiele solcher Tätigkeiten einführen. Zur Kultur des Geistes gehört das Lesen; diese stille, scheinbar einsame Beschäftigung erweist sich beim näherern Betrachten als ein Gespräch. Man tauscht sich mit einem Fremden – dem Autor – aus, was ein inneres, bewusstes oder unbewusstes, Gespräch mit sich selbst anstösst. Das Lesen regt die innere Stimme auf, mitzudenken. Zur Kultur des Geistes gehört daher das Lernen. Dieser offene, ewig andauernde Prozess zielt darauf ab, sich einen Stoff aktiv anzueignen und für sich zu gewinnen. Insbesondere das Lernen von Fremdsprachen ändert die Person. Durch die Struktur einer anderen Sprache wird uns eine andere Sicht auf die Welt vermittelt. Neue Wörter sind fremde Geräusche, die in unserem Mund einen bizzaren Klang machen. Das alles prägt und ändert uns geistig, d.h. auch materiell.
Es bleibt uns nur noch kurz auf die Gemeinsamkeit der geistig-intellektuellen Prozesse mit der Kultur des Körpers anzudeuten. Eine Sportstunde oder eine lange Wanderung sind lediglich Steine für die Mauer meiner allgemeinen Kondition. An sich und vereinzelt bringen sie wenig; erst die Wiederholung über eine längere Zeit hinaus bringt Veränderung. Die „Kultur des Selbst“ ist daher der Askese ähnlich: eine regelmässige, tägliche Arbeit. Sie läuft mit der Zeit fort; sie wird sogar fortlaufen, solange wir leben. Sie ist also letztlich dem Leben selbst ähnlich.