Lesenotizen – Fundstücke aus Hermann Pauls „Deutschem Wörterbuch“

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Ende September wirkt die große, fremde Stadt noch ein bisschen größer und noch ein bisschen fremder. Langsam verkürzen sich die Tage; die Eicheln fallen in der Nacht auf den
Boden und sind am frühen Morgen überraschend regennaß. Man wäre fast müde von all dem Blau geworden: blauer Himmel, blauer See. Ein Sommer der Freiheit besteht aus Lesen, Schwimmen und ausgedehnten Spaziergängen… Übrigens ist der Frontdeckel von Hermann Pauls „Deutschem Wörterbuch“ auch blau.

In der großen, fremden Stadt empfängt mich die Bibliothek. Dieses erste Mal habe ich einen kurzen Text von Christa Wolf ausgeliehen. „Was bleibt“ ist die Erzählung eines Tages in der Form des inneren Monologes. Die Ich-Erzählerin weiß sich unter ständigen Beobachtung, weshalb das Gesagte sich um das Auto mit den Stasi-Männern dreht, die vor ihrer Wohnung steht. Wolfs Durchhaltevermögen beeindruckt mich: eine solche Masse von Angst im Hintergrund des eigenen Lebens zu ertragen, ist eine staunenswerte Leistung. Der Mensch kann durchzuhalten, widerstehen. Er ist klein und doch zäh. Nicht leicht zu kriegen.

Wolfs flüssiger Schreibstil macht diesen Text genauso berührend wie alle anderen, weshalb ich ihn als Lektüre empfehle. „Was bleibt“ ist jedoch nicht das Thema dieses Blogbeitrags.

S.14-15 wird auf Hermann Pauls „Deutschem Wörterbuch“ hingewiesen. Wolf erwähnt die Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden; sie spricht das Thema Wortschatz an. „Wir Dichter sind von der Sprache abhängig, sie ist unser Werkzeug, dessen Beherrschung keinem Einzelnen je gelingt“, würde Hermann Hesse sagen. Ein gutes Lexikon ist hilfreich und leistet Beihilfe.

„Unsere Empfindungen bei solchen Gelegenheiten sind kompliziert. Und die richtigen Wörter hatte ich immer noch nicht, immer noch waren es Wörter aus dem äußeren Kreis, sie trafen zu, aber sie trafen nicht, sie griffen Tatsachen auf, um das Tatsächliche zu vertuschen, so unbekümmert würde ich nicht mehr lange drauflos reden können, aber was ist einer, der nicht unbekümmert ist? Bekümmert? Kummervoll? »Kummer«, las ich in Hermann Pauls Deutschem Wörterbuch, immer tiefer hineintreibend in meine Besessenheit: »Kummer« habe im Mittelhochdeutschen »Schutt, Beschlagnahme, Not«, in der älteren Rechtssprache sogar »Arrest« bedeuten können. Beschlagnahme, ja, das traf es, in Beschlag genommen dahinkümmern. »Es reuete ihn, daß er die Menschen gemacht hatte, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.« Doktor Martin Luther, der mir weismachen wollte, daß wir nur zustimmen oder ablehnen, Freund oder Feind sein können. Deine Rede sei ja, ja und nein, nein.“

Der Dichter ist wortebesessen; zu gutem Recht, er kann nicht anders, und die Etymologie bietet ihm eine Stütze. Seine Vorstellungskraft wird vom Schatz der Sprache getragen.
Der Dichter steht inmitten von dem, was schon gesagt wurde;
er bewegt sich auf allen früheren Anwendungen der Wörter, die er benutzt.„Words, English words, are full of echoes, of memories, of associations“, würde Virginia Woolf sagen1
Es gibt kein „reines“, „sauberes“ Wort. Sie alle wurden bereits verwendet, berührt, und zeigen so viele Gebrauchsspuren, dass man sie gar nicht mehr zählen kann. Mal poetische, mal weniger schöne Narben.

Die Wörter der Sprache haben sich im Laufe der Zeit verändert; der Dichter von heute nutzt ihre bewegte Geschichte, um seine eigene Vorstellungswelt eine Form zu geben und die erlebte Welt zu beschreiben. Hier stützt sich Christa Wolf auf die semantische Verbindung zwischen „Kummer“ und „Arrest“, um einen eigenen Entwurf einer poetischen Definition von Kummer zu entwickeln: Kummer wäre etwas, das uns gefangen hält.

Wenn man die Ideen, ein weiches Material, auf robusten Träger wie die Wörter der Sprache stützt, dann nehmen diese Ideen eine Form, eine Gestalt an. Sie erhalten eine eigene Konsistenz: aus Wasser wird Holz.

Neidisch auf Wolf und auf der Suche nach etymologischen Schätze habe ich die siebente Auflage von Pauls „Deutschem Wörterbuch“ in einem Antiquariat gekauft und bin bald eingetaucht. Meine ostdeutsche Ausgabe ist 1960 im VEB Max Niemeyer Verlag Halle (Saale) erschienen.

Hermann Paul war ein germanistischer Mediävist, Sprachwissenschaftler und Lexikograph. Er hat sich der systematischen Darstellung der deutschen Semantik gewidmet und gab der aufkommenden Linguistik einen entscheidenden Impuls, indem er die Entwicklung der Sprache historisch beleuchtete. Sein Wörterbuch ist ein beachtliches Werk voller etymologischer Überraschungen. Es ist für mich jedes Mal ein Vergnügen, mich darin zu vertiefen. Ich habe mich entschieden, hier zwei Notizen (das Wort Berg und das Verb bergen) aufzuschreiben. Aus „Berg“ wird „verbergen“: will man etwas verdecken oder verheimlichen, stellt man einen Berg davor! Und kommt die „Geborgenheit“ aus dem „Berg“? Diese Fundstücken zeigen, dass die Wörter der Sprache etwas Magisches haben.


Berg, gemeingermanisches Wort, das auch in anderen indogermanischen Sprachen Verwandte hat (russisch bereg „Ufer“, serbokroat brijeg „Hügel, Ufer“). Auch der Name der Burgunden und der der Stadt Bregenz gehören wohl dazu. Im Ablaut zu Berg steht Burg.

In sprichwörtlichen Wendungen: er ist über alle Berge (weit weg), über den Bergen sein (die Hauptschwierigkeit hinter sich haben), hinter dem Berge halten (mit seinem Wissen, seiner Meinung zurückhalten), hinterm Berge wohnen auch Leute (es gibt noch andere Leute, die etwas vermögen oder verstehen) da stehn die Ochsen am Berge (man kann nicht weiter, weiss nicht, was man tun soll). Uneigentlich sagt man Berge von Holz, von Obst, von Sorgen, goldene Berge (montes auri) usw.

In der Zusammensetzung bezieht sich Berg auf das Graben nach Erzen, dann auch nach Kohlen, indem dieses ursprünglich nur in Bergen vorgenommen wurde: Bergwerk, -bau, -mann, -knappe, -rat usw.

Als Richtungsbezeichnungen dienen bergauf, -unter, -an, -ab; uneigentlich es geht mit ihm bergab (er nimmt ab an Kraft, Vermögen usw.) Auch zu Berge bedeutet ursprünglich „den Berg hinan“, dann überhaupt „aufwärts“; ich fuhr den grünen Rhein zu Berge (Geibel), Bergfahrt; allgemein üblich ist die Haare stehen ihm zu Berge. Dazu Gebirge.

bergen, altgermanisches starkes Verb, wozu man russisch beregu „ich behüte“ stellt.

Verwandtschaft mit berg ist trotz der lautlichen Übereinstimmung nicht anzunehmen, dagegen gehören borgen und Bürge dazu.

Die Grundbedeutung ist „an einen sichern, geschützten Ort bringen“. Es ist in diesem Sinne im allgemeinen nur noch im höheren Stille üblich, technischer Ausdruck aber ist die Ladung bergen, Güter bergen (nach einem Schiffsunfall), danach in neuerer Zeit auch Leichen bergen (als die Leiche eben heraufgeborgen, ETA. Hoffmann).

Ferner bedeutet geborgen sein umgangssprachlich „in gesicherten, befestigten Umständen sein“. Abgeleitet ist der Sinn „der Öffentlichkeit entziehen, verstekken“, in dem es jetzt nur der höheren Schreibweise angehört, während die Umgangssprache dafür verbergen hat.

Verborgen adjektivisch, daher Verborgenheit. Mit reflexivem Dativ (ich konnte mir nicht bergen, daß, Thümmel).“


Machen wir etwas aus dem Schatz der Sprache.

  1. „Words, English words, are full of echoes, of memories, of associations – naturally. They have been out and about, on people’s lips, in their houses, in the streets, in the fields, for so many centuries. And that is one of the chief difficulties in writing them today – that they are so stored with meanings, with memories, that they have contracted so many famous marriages. The splendid word “incarnadine,” for example  – who can use it without remembering also “multitudinous seas”?“. In: « Craftsmanship », 29 April 1937 ↩︎