
Auszüge aus Dienstag, den 27. September, von Christa Wolf (1960). Gefunden in: Gesammelte Erzählungen, Sammlung Luchterhand, Dezember 1981.
Folgende Worte von mir dienen lediglich als Einleitung zu dieser kurzen Aufzeichnung von Christa Wolf. Sie sollen Kontext geben und den Raum vorbereiten für einige Perlen; Ausgewählte Sätze und Passagen, die beim Lesen mein Interesse geweckt oder mein Herz berührt haben, und die ich hier teilen möchte.
1960 ist Christa Wolf 31 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann Gerhard und ihren zwei Töchtern Annette und Katrin (Tinka). Es ist die Zeit der Anfänge: Die Moskauer Novelle erscheint 1961; An ihrem ersten großen Erfolg, Der geteilte Himmel, wird schon gearbeitet.
Dieses Stück ist „nur“ ein kurzes Stück Alltagsprosa. In diesen dreizehn Seiten sind aber die Grundpfeiler ihres Schreibens schon enthalten; Viele Aspekte, die Wolfs Stil – sowohl in den Romanen als auch in den Tagebüchern – ausmachen, und die man, wenn man mit ihrem Schreiben vertraut ist, wiedererkennt.
Berührend, wie jedes Stück von Christa Wolf, sind diese alltäglichen Aufzeichnungen. Der Text besteht vor allem aus Alltagsbetrachtungen: Ein Artztbesuch für Tinkas verletztem Fuss, die Parteigruppensitzung der Brigade, ein Gespräch nebenbei mit ihrem Mann… Ihr Stoff ist „banal“ wie das Leben selbst.
Trotzdem, oder gerade deshalb, sind es dichte Aufzeichnungen. Christa Wolfs Beobachtungen sind aus vielen Schichten gemacht – aus Ablagerungen. Ihr Schreiben hat viele Schattierungen: So komplex und vielschichtig wie das Leben selbst.
Denn das Leben ist ihr „Schreibstoff“. Christa Wolf lehnt sich an das Leben an, stützt sich auf sie – aber nicht ohne Distanz und Reflexivität. Ihr Schreiben ist keineswegs an den Alltag geklebt. Sie presst sich nicht gegen die Wand der Realität, sie ist nicht der Gegenwart angehaftet, nicht an sie gebunden – und somit nicht von ihr gefangen. Sie schreibt in der Gegenwart – und dennoch ist sie „oben“, über der Gegenwart. Scharfer Blick, klarer Kopf; Wolf sieht sich selbst in der dritten Person, sie sieht durch die Dinge hindurch, durch den zähen Teig des Alltags.
Die Spontaneität des Tagebuchs beeindruckt. Die Ehrlichkeit, die es verlangt, um sich selber anzusehen und die eigenen Gefühle und Schwierigkeiten nicht zu verbergen; Diese Ehrlichkeit erfordet Mut und Distanz. Für Christa Wolf ist die „subjektive Authentizät“ – der Mut, sich selbst zu sein – mit Aufrichtigkeit verbunden. Beide führen zu einer ständigen Auseinandersetzung mit sich selbst und mit den eigenen Konflikten. „Scheitern ist, wenn man keine Krisen hat, sondern hart und stracks durch etwas hindurchgeht, was man nicht selber ist, neben sich hergeht.“, sagte sie 1993 im Gespräch mit Günter Gaus.
Diese kompromisslose Haltung zeugt von ihrem Interesse für Psychologie. Wolf ist sich der Schwierigkeit und der ständigen Anstrengung bewusst, die ein solches Unterfangen darstellt und erfordert. Mit großem Scharfsinn beobachtet sie die psychologischen Prozesse – in ihr (Gedanken, Gefühle) und um sie herum (das Verhalten der Anderen, Gruppendynamiken, der politische Kontext). Ich schätze ihre sehr feine Beobachtungsgabe und ihre analytische Klarsichtigkeit. Sie schreibt in der ersten Person, der Leser folgt ihre Gedanken: Diese Subjektivität ist wertvoll, sie ist wie ein Geschenk an einem Fremde. Doch am Ende liebt man Christa Wolf wie eine alte Freundin, die man beim Lesen ihrer Bücher immer besser kennenlernt.
Die subjektive Authentizität, die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, ist keine leichte Aufgabe: Wir brauchen Humor und Selbstironie, um einen „Zuviel“ an Ernsthaftigkeit auszugleichen. Siehe zum Beispiel die Seite über das ältere Ehepaar und ihren Groschen in der Straßenbahn!
Schließlich ist dieser Aufsatz von literarischem Interesse: Er enthält Einblicke in die Vorbereitung des Romans Der geteilte Himmel (1963). Wolfs Vorarbeit zu diesem Stück ist fast ethnologisch: Sie nimmt an dem Alltag im Waggonwerk teil und beobachtet die Männer der sozialistischen Brigade.
Sie ist sich der Langsamkeit des Schreibprozesses bewusst und macht kein Geheimnis aus den Zweifeln und Fragen, die mit dem Schreiben einhergehen. Wie macht man eine auf den ersten Blick „banale“ Handlung interessant? Es muss nicht zu einer langweiligen und „am Alltag geklebten“ Erzählung kommen. Dabei betont Wolf die Bedeutung der „Überidee“: Eine moralische oder metaphorische Botschaft, die über das Geschehen steht und es umrahmt.
Schließlich ist dieser kurze Text von historischem Interesse, denn die Tagebuch-ähnliche Notizen sagen uns viel über das Alltagsleben in der DDR Anfang der 1960er Jahre. Dank ihrer analytischen Klarheit und ihrer scharfen Beobachtungsfähigkeiten hebt Wolf bestimmte Interaktionen aus dem Alltag hervor: Sie sammelt keineswegs wahllos Details, sondern wählt sie aus und sortiert sie. So werden beispielsweise alte Frauen im Wartezimmer porträtiert. Rührend beschreibt Wolf die Arbeiter der Brigade: „Das Leben von Menschen groß machen, die zu kleinen Schritten verurteilt scheinen…“ Sie sind „Typen“, wie Romanhelden oder Theaterfiguren. Die Diskussion über Arbeitsverhältnisse, die Mischung aus Konflikten und Kameradschaft, die Frage der Parteitreue, das Thema der Versorgungsengpässe erinnern an den Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer (1966).
« Während ich Brote fertigmache, versuche ich mich zu erinnern, wie ich den Tag, ehe Tinka geboren wurde, vor vier Jahren verbracht habe. Immer wieder bestürzt es mich, wie schnell und wie vieles man vergißt, wenn man nicht alles aufschreibt. Andererseits: Alles festzuhalten wäre nicht zu verwirklichen: man müßte aufhören zu leben. -«
« Annette ist endlich fertig. Sie ist ein bißchen bummelig und unordentlich, wie ich als Kind gewesen sein muß. Damals hätte ich nie geglaubt, dass ich meine Kinder zurechtweisen würde, wie meine Eltern mich zurechtwiesen. Annette hat ihr Portemonnaie verlegt. Ich schimpfe mit den gleichen Worten, die meine Mutter gebraucht hätte: So können wir mit dem Geld auch nicht rumschmeißen, was denkst du eigentlich? »
„[Tinka] beginnt wieder nach mir zu schreien, so laut, daß ich im Trab zu ihr stürze. Sie liegt im Bett und hat den Kopf in die Arme vergraben. Was schreist du so? Du kommst ja nicht, da muß ich rufen. Ich habe gesagt: Ich komme gleich. Dann dauert es immer noch lange lange lange bange bange bange. Sie hat entdeckt, daß Wörter sich reimen können. […] Morgen habe ich Geburtstag, da können wir uns heute schon ein bißchen freuen, sagt sie.“
« G. liest in Lenins Briefen an Gorki, wir kommen auf unser altes Thema: Kunst und Revolution, Politik und Kunst, Ideologie und Literatur. Über die Unmöglichkeit deckungsgleicher Gedankengebäude bei – selbst marxistischen – Politikern und Künstlern. […] Wir kommen auf die Rolle der Erfahrung beim Schreiben und auf die Verantwortung, die man für den Inhalt seiner Erfahrung hat: Ob es einem aber frei steht, beliebige, vielleicht vom sozialen Standpunkt wünschenswerte Erfahrungen zu machen, für die man durch herkunft und Charakterstruktur ungeeignet ist? Kennelernen kann man vieles, natürlich. Aber erfahren? »
« Unsere Straße führt auf ein neues Wohnhaus zu, an dem seit Monaten gebaut wird. Ein Aufzug zieht Karren mit Mörtelsäcken hoch und transportiert leere Karren herunter. Tinka will genau wissen, wie das funktioniert. Sie muß sich mit einer ungefährten Erklärung der Technik begnügen. Ihr neuer unerschütterlicher Glaune, dass alles, was existiert, „zu etwas gut“ ist, ihr zu etwas gut ist. Wenn ich so oft um die Kinder Angst habe, dann vor allem vor der unvermeidlichen Verletzung diese Glaubens. […] Nach einer Weile: Aber in der Sonne bin ich groß. – Die Sonne ist dunstig, aber sie wirft Schatten. Sie sind lang, weil die Sonne noch tief steht. – Groß bis an die Wolken, sagt Tinka. Ich blicke hoch. Kleine Dunstwolken stehen sehr hoch am Himmel. »
« Nach dem Essen fahre ich ins Waggonwerk, zur Parteigruppensitzung der Brigade. In der Straßenbahn sucht ein älteres Ehepaar in allen Taschen verzweifelt nach dem Groschen, der den beiden fehlt, um die Fahrscheine kaufen zu können. Sie haben sich beim Einkaufen verausgabt. Ich biete der Frau den Groschen an. Große Verlegenheit: Ach nein, ach nein, sie könnten ja auch laufen. Schließlich nimmt der Mann den Groschen, unter Beteuerungen, wie peinlich es ihm sei. So was ist wohl nur bei und Deutschen möglich, denke ich. »
« Im Betrieb war ich ein paar Wochen nicht. Die Halle steht voller halbfertiger Waggons. Anscheinend ist die Produktionsstockung überwunden. Ich freue mich zu früh. […] Noch fünfundvierzig Minuten bis Arbeitsschluß, aber drei sitzen schon hier und warten, dass die Zeit vergeht. Immer noch nicht genug Arbeit? Köpfeschütteln. Das Bild in der Halle trog. – Und was macht ihr mit der übrigen Zeit? – Beschäfttigungstheorie, sagen sie. Eisenplatz, Holzplatz, Bohlen ausbessern – Und das Geld? – Das stimmt. Wir kriegen ja den Durchschnitt. – Sie sind mißgelaunt, resigniert, wütend – je nach Temperament. »
« Man muß nicht erwarten, daß der Konflikt nach den Regeln klassischer Dramaturgie zugespitzt und bis zu Ende „ausgetragen“ wird. […] Ich gehe schnell nach Hause, aufgeregt, mit aufgestörten Gedanken. Ich höre noch einmal, was sie sagen, dazu, was sie nicht sagen, was sie nicht einmal durch Blicke verraten. Wem es gelänge, in dieses fast undurchschaubare Geflecht von Motiven und Gegenmotiven, Handlungen und Gegenhandlungen einzudringen… Das Leben von Menschen groß machen, die zu kleinen Schritten verurteilt scheinen… »
« Ich muß noch etwas schreiben, aber alles stört mich: das Radio, der Fernseher nebenan, der Gedanke an den Geburtstagstrubel morgen und an diesen zerrissenen Tag, an de ich nichts geschafft habe. Unlustig decke ich den Geburtstagstisch, mache den Lichterkranz zurecht. G. Blättert in irgendeinem Büchlein, findet es „gut geschrieben“. Aus irgendeinem Grund stört mich auch das. »
„Ich sehe die Manuskriptanfänge durch, die auf meinem Arbeitstisch übereinanderliegen. Die Langwierigkeit des Vorgangs, den man Schreiben nennt, erbittert mich. Aus der reinen Brigadegeschichte haben sich schon ein paar Gesichter herausgehoben, Leute, die ich besser kenne und zu einer Geschichte verknüpft habe, die, wie ich deutlich sehe, noch viel zu simpel ist. Ein Mädchen vom Lande, das zum ersten Mal in ihrem Leben in die größere Stadt kommt, um hier zu studieren. Vorher macht sie ein Praktikum in einem Betrieb, bei einer schwierigen Brigade. Ihr Freund ist Chemiker, er bekommt sie am Ende nicht. Der Dritte ist ein junger Meister, der, weil er einen Fehler gemacht hat, in diese Brigade zur Bewährung geschickt wurde… Es ist merkwürdig, dass diese banalen Vorgänge, „dem Leben abgelauscht“, auf den Seiten eines Manuskripts ihre Banalität bis zur Unerträglichkeit steigern. Ich weiß, dass die wirkliche Arbeit erst beginnen wird, wenn die Überidee gefunden ist, die den banalen Stoff erzählbar und erzählenswert macht. Aber sie findet sich nur – wenn überhaupt, woran ich heute abend ernsthaft zweifle – durch diese lange Vorarbeit, deren Vergeblichkeit mir klar ist.“
„Vor dem Einschlafen denke ich, daß aus Tage wie diesen das Leben besteht. Punkte, die am Ende, wenn man Glück gehabt hat, eine Linie verbindet. Dass sie auch auseinanderfallen können zu einer sinnlosen Häufung vergangener Zeit, dass nur eine fortdauernde unbeirrte Anstrengung den kleinen Zeiteinheiten, in denen wir leben, einen Sinn gibt…“
„Die ersten Übergänge in die Bilder vor dem Einschlafen kann ich noch beobachten, eine Straße taucht auf, die zu jener Landschaft führt, die ich so gut kenne, ohne sie je gesehen zu haben: Der Hügel mit dem alten Baum, der sanft abfallende Hang zu einem Wasserlauf, Wiesengelände, und am Horizont der Wald. Dass man die Sekunden vor dem Einschlafen nicht wirklich erleben kann – sonst schliefe man nicht ein –, werde ich immer bedauern.“