Bonusartikel – „Brotkrümchen“

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Brot gehört für viele Menschen zu den Grundnahrungsmitteln (auf Englisch „staple foods“). Denn es stillt den Hunger, genauso wie die „Sättigungsbeilagen“ Kartoffel oder Brei. Eine dicke Scheibe Roggenbrot zum Frühstück, mit Butter bestrichen und einem oder zwei Eier, macht richtig satt.

Der Gaumen freut sich; Auch Seele und Geist sind nicht vernachlässigt. Für den Volker Apitz der Anfangszeit vereinigte Brot das Materielle und das Ideelle: „Weil ich eben auch [damals] idealistisch unterwegs war, sollte das Brot auch geistig satt machen. ‚Das Brot ernährt uns nicht – was uns im Brote speist, ist Gottes ewiges Wort, ist Leben und ist Geist‘ [Angelus Silesus]“.

In diesem letzten Artikel über die Bäckerei Vollkern werden einige Überbleibsel angesprochen. Es sind „Brotkrümchen“, Reste… Übriggebliebene Ideen sind zu schade zum Wegwerfen!

Brot als Kulturbringer

Volker bezeichnet Brot als „Kulturbringer“: Es stellte eine kulturelle Zäsur dar, „als man Getreide nicht mehr zu Brei gekocht, sondern im Ofen zu Brot gebacken hat.“

Der Schweizer Botaniker Pr. Adam Maurizio erwähnt in seinem herausragenden Buch Die Geschichte unserer Pflanzennahrung (1927) einen Zusammenhang zwischen der Seßhaftwerdung des Menschen, der Frauen und dem Töpfern. Das Brotbacken und das Töpfern sind Tätigkeiten der Frauen gewesen, und haben zur Seßhaftwerdung des Menschen geführt.

Ich möchte es an dieser Stelle kurz halten und verweise auf dem dritten Abschnitt („Der Hackbau und die Breipflanzen“), drittem Kapitel („Das Braten und Rösten. Das Kochen des Breies“) des vorher genannten Buches. Ich zitiere nur einen Auszug daraus (S.206):

„Ist die Mandiokindustrie von einem Stamme gegründet worden, dessen Nachkommen noch leben, so spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß es der Stamm der Nu-Aruak gewesen ist. Am Xingu haben gewiß sie das Verdienst der Einfuhr gehabt, ‚da die Mehlbereitung ohne irdene Töpfe und Beijupfannen unmöglich ist. Die Aruak sind aber auch in den nördlichen Gebeiten die beste Mehlarbeiter und von jeher… die besten Töpfer gewesen. Doch wohlverstanden, ihre Frauen. Wenn die Karaiben im Norden des Amazonenstromes und auf den kleinen Antillen die Aruakstämme unterjochten und die Hälfte der Bevölkerung töteten, so war es gut, daß diese Hälfte die Männer waren; die Frauen mit ihrem Feldbau, ihrer Töpferkunst und ihrer Mehltechnik blieben erhalten.‘ Die Frau war mehr als das arbeitende Tier, sie war auch der arbeitende Mensch; wie der Mann die Technik der Waffen und die der Jagd entstammenden Werkzeuge, so entwickelte sie in gleicher Selbstständigkeit das Suchen, Tragen und Zubereiten der Früchte und Wurzeln, die in ihre Hand gegebenen Kulturelemente; seinen wohlschmeckenden Mehltrank in dem irdenen Gefäß verdankt der Indianer dem Weibe… […] Die bedingte Seßhaftigkeit, die mit dem Fischerleben verbunden war, hatte sich erst zur dauernden festigen können, als die Frauen gelernt hatten zu pflanzen, Töpfe zu machen und Mehl zu bereiten.

Hochentwickelt und naturbelassen

Volker erzählt weiter: „Eigentlich ist Brot ein hochentwickeltes Nahrungsmittel, […] und doch kann es auch ein sehr naturbelassenes Nahrungsmittel sein.“ So lautet sein schönes Paradoxon: „Brot ist für mich der Inbegriff für hochkulturelle Entwicklung, aber trotzdem Ursprünglichkeit.“

Brot und Symbolik

Der symbolische Gehalt von Brot ist das Thema von dem kurzen Text Hermann Hesses Über das Wort Brot (1959). Hier können Sie sich den Text als Audiodatei anhören:

Hesse bezeichnet es einerseits als emotional geladenen Nahrungsmittel des Alltags: Ausdrücke wie „das tägliche Brot“, „das Butterbrot“, „das Abendbrot“, „die Brotbüchse“ wecken Erinnerungen. Diese „nahrhafte Bedeutung des Alltags“ findet man in der Etymologie der Wörter. Der „compagnon“ (Geselle) ist zum Beispiel derjenige, mitdem man sein Brot teilt (com-pagnon, cum-panis). Aber die Emotionalität von Brot erfährt man vor allem durch die Sinne und Erinnerungen: Der Geruch von frischem Brot ruft Bilder von Geselligkeit und Zusammensein hervor.

Andererseits nimmt das Brot eine andere, höhere Bedeutung an: „Überall hat das Brot neben der derben nahrhaften Bedeutung des Alltags auch noch eine höhere“. „Brot“ ist ein altes Wort, und „ein Wort, je älter es ist, [enthält] desto mehr Lebensstärke und Beschwörungskraft“. Das Gewicht und die Ausdruckskraft dieses Wortes „kommen von unten, aus der Erde und dem Volk“; „Brot“, das ist ein „echtes“ Wort, robust, deswegen wird es bleiben. Aber Vorsicht: Der Mensch lebt nicht nur von Brot allein!