Die Reise nach Rohrlack – Teil zwei

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Ich sitze in der RE8. Menschen, Junge und Alte, steigen ein und aus: Eine Großmutter aus Bulgarien, Pendler in ihren Dreißigern, ein Rentnerpaar mit geflickten Jacken und zwei Bauarbeiter, die zusammenpassen – der erste ist nervös und dünn wie ein Zahnstocher, der zweite ist mächtig und wiegt doppelt so viel wie ich.

Ich blicke durch das Fenster, und schon sind wir auf dem Land. Hier ist mehr Raum: Man sieht sogar den Himmel. Unser kleine Wagon fährt durch die weite Landschaft – hier ist der Acker breit wie das Meer. Auch wenn es monotone Felder sind, gefällt es mir besser als die Stadt. Durch das Zugfenster, die Felder und der Himmel: Das sind die Gestalten, aus denen das Landschaftsbild besteht. Wie jedes Mal kommt eine seltsame, gemischte Empfindung; Zugleich Heimatgefühl und hartnäckige Nostalgie. Vielleicht liegt es an dem weißen Himmel.

Ich bin nicht die Einzige, die in Neustadt (Dosse) aussteigt. Menschen gehen auseinander wie hastige Singvögel, die es im Frühjahr eilig haben. Es regnet langsam und mit Unterbrechung, als ob der Himmel müde sei. Mein Klappfahrrad kommt nun zum Einsatz. Es quietscht ein wenig, denn ich drücke immer zu stark auf die Pedalen. Mal habe ich ein Lächeln, mal ein Lied auf den Lippen; Ich bin ganz froh, auf Abenteuer zu sein.
Auf nahezu leeren Landstraßen fängt es an, nur ab und zu einige brüllenden LKWs. Weiß, grau und braun sind die Farben der Landschaft.
Die Landstraße ist eng, ein Lastwagen mit einem „DDR“ Deko-Kennzeichen hätte mich fast überfahren. Er hupt, wir fahren aneinander vorbei und grüßen uns – das kleine Fahrrad und der große Kraftwagen.

Die umliegenden Dörfer haben unverkennbare Namen: Barsikow, Lasikow, Gartow, Dessow, Lögow, Kantow – nicht zu vergessen ist Läsikow, das einzige Runddorf Brandenburgs.
Die Gestaltung der Brandenburgischen Dörfer ist mir nun etwas vertraut. Ich kenne die vielen Höfe, Scheunen und Häuser aus rotem Backstein. Manche tragen stolz ihr Geburtsdatum auf ihrer Frontseite: 1898, 1901 – Zahlen aus geröstetem Metall. Größere Ortschaften beherbergen eine Dorfkirche aus Ziegelstein oder mit Holzbohlen bedeckt. Alte Konsum-Läden haben eine zweite Nutzung gefunden, mal als Dorftreffpunkt, mal als Bibliothek, mal sogar als Museum. Ab und zu kommt ein größeres Wohnhaus mit Gipsskulpturen im vagen Rokoko-Stil. Eine bunte, vielfältige Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart: Kleine Teilen von Zeit, die sich zusammengesetzt haben und aus denen Dörfer bestehen.

Ich habe auf nassen Feldwege gewechselt; Mein Klappfahrrad mag ihre vielen Steine nicht. Ist es der Weg, ist es überhaupt noch ein Weg? Menschen antworten, wenn man sie fragt – und geben sogar korrekte Hinweise, die stimmen. Wunderbar!

Die Landschaft macht mir einen einschüchternden Eindruck. Die monumentalen Felder sind riesig, ohne Ende; Ich fühle mich so klein auf meinem Fahrrad. Eine Armee von riesigen Windrädern trägt zu meinem Gefühl von Winzigkeit bei. Sie sind ganz nah, ich kann sie genau und in Detail beobachten, der Mast und die Rotorblätter; Sie werfen übergroße Schatten auf dem Boden.

Die Landschaft wird von den Menschen geformt. Narben, Reste, Zeichen, Überbleibsel: Riesige Felder aus DDR-Zeiten, aber auch überdimensionierte Windräder aus neuerer Zeit.

Ein Transparent gibt mir einen Hinweis darauf, dass Andere einen vergleichbaren Eindruck hatten:„Schrecklich, wenn man da zu Hause ist, wo andere Tag und Nacht ihr Geld verdienen“, meint die Bürgerinitiative „Keine neuen Windräder in der Temnitz-Region“. Der Ausbau erneuerbarer Energien läuft nicht ohne Kontroverse.

Muss es sein, dass die ländlichen Regionen lediglich als Hinterland und Ressourcenvorrat für die Rohstoffen der Hauptstadt gelten? Warum wird das Land als ein Durchfahrtsort behandelt; Ein Raum, wo Menschen kommen, etwas nehmen, und dann gehen? Auf einem Schild steht: „Unser Land soll lebenswert bleiben!“. Ich bin nicht die Einzige mit diesen Fragen.